Der ewige Astronaut

Der Außerirdische der Popmusik:
David Bowie wird 60

Eine Gratulation von Frank Olbert


Unnachahmliche Eleganz:
Bowie auf der "Serious Moonlight"-Tour im Jahr 1983
BILD: DENIS O´REGAN/EMI

Offen gestanden, flößte mir David Bowie Angst ein, als ich ein frühpubertierender Jüngling war - wie auch sein Kumpel, der kriegerische Iggy Pop, jener "Uncle Floyd", dessen verlorener Freundschaft Bowie auf "Heathen" so schmelzend nachtrauert. In den 70er Jahren war Bowie der verstörend androgyne Zeremonienmeister des Glamrock, ein Junkie, zugleich Major Tom und Ziggy Stardust, die Space-Cowboys: Einem Mann mit solchen Erfahrungen mit Furcht zu begegnen scheint nicht allein Jungs vorbehalten, die gerade ihrer Akne und ihren Minderwertigkeitskomplexen mit abstrusen Methoden zu begegnen versuchen. Selbst Scarlett Johansson soll in Ehrfurchtsstarre gefallen sein, als sie kürzlich David Bowie vorgestellt wurde. Scarlett ist sonst nicht dafür bekannt, dass sie auf den Mund gefallen wäre.

Dabei läuft Bowie schon lange nicht mehr in Frauenkleidern herum. Die einst kühn toupierten und gerne schon mal knallroten Haare hat er zu einer ordentlichen Kurzhaarfrisur geschnitten, sein Benehmen ist tadellos: Vor einigen Jahren fuhr ich nach Berlin, weil ich für Bowies legendäres Konzert im Kölner E-Werk keine Karten mehr bekommen hatte. Er hatte eine Krawatte umgebunden, die sich im Laufe des hitzigen Konzerts allerdings entknotete. Und als ihm, der von 1976 bis 1979 in der Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg in einem Altbau gelebt hat, Ovationen entgegenschlugen, gab er ebenso höflich wie ehrlich gerührt zurück: "Oh, Berlin . . ."

Zwischen diesen Extremen erstreckt sich der Kontinent Bowie. Zwischen Transvestitenattitüde und Smoking-Chic, zwischen dem Exzentriker Major Tom, der aus der Umlaufbahn gerät, und dem späten David Bowie, der sich zum Buddhismus bekennt - zwischen dem Folk des Albums "Hunky Dory" und den kargen, aufgerissenen Klanglandschaften auf "Low" oder "Heroes". Man hat ihn als das Chamäleon der Rockmusik bezeichnet - keiner habe der Welt so viele Gesichter gezeigt wie Bowie, schrieb 1989 die "Zeit". Das Erstaunliche daran aber ist, dass es diesem Beschwörungskünstler der Veränderung immer ernst war: als Ziggy Stardust hat er keine Rolle gespielt - er war Ziggy Stardust.

In einem Interview hat der reife Bowie bekannt, dass es genau dieses Übermaß an Identifizierung war, welches ihn wie unter Hochdruck zur nächsten Inkarnation getrieben hat: von Major Tom zu Ziggy Stardust zum Thin White Duke; vom Soundexperimentator, der gemeinsam mit seinem kongenialen Produzenten Brian Eno die Grenzen des Rock ´n´ Roll hinter sich ließ, zum Elder Statesman des Rock, der Gruppen wie die Pixies und die Dandy Warhols fördert. "We could be heroes", hat er gesungen, "just for one day." Dann hetzten einen die Furien der modernen Mediengesellschaft wieder und man muss weiter, unter Umständen zur nächsten Heldentat.

Wenn es eine Kontinuität in Bowies Leben gibt, dann die, dass die Reiserichtung seiner Aktivitäten das Übermorgen ist. Er ist so etwas wie der Zukunftsforscher der Rockmusik und übrigens auch des Films: In Nicholas Roegs Sciencefiction "The Man who fell to Earth" ("Der Mann, der vom Himmel fiel", 1976) spielt Bowie den Außerirdischen Thomas Jerome Newton, dessen Heimatplanet Anthea von einer katastrophalen Dürre heimgesucht wird. Die Erde wiederum steht am Rand eines Krieges, den Newton und seinesgleichen dank ihrer überlegenen Intelligenz und Empathie verhindern könnten - Bowie spielt den Alien-Mann ätherisch und voller Charisma, ein erstklassiger Performer auch auf der Filmbühne.

Der Sog der Sciencefiction wühlt sein uvre auf, es geht vorbei an den Drogennebeln der "Space Oddity", vorbei an den Exaltiertheiten Ziggys und seiner Spiders from Mars, an den Diamond Dogs, dieser Hommage an George Orwells Überwachungsfantasie "1984". Selbst auf dem Album "Hea- then", das als sein spätes Comeback gelten darf und ihn 2002 wieder mit dem Produzenten Tony Visconti zusammenbrachte, besingt Bowie zärtlich sein "Gemini Space- ship". Während er mit den Füßen auf den Bühnen dieser Welt stand, war er mit dem Kopf ganz woanders, irgendwo in einem utopischen Drüben - dort grübelte er außerirdischem Leben nach, oder er rief "Scary Monsters" herauf, die freilich ebenso gut entfesselte Neurosen sein können.

Doch Bowie hätte auch an diesem Punkt nicht so überzeugend seine "ch-Ch-CH-CHANGES" als Lebensprojekt ausrufen können, gäbe es nicht auch zum Eskapismus ein Gegenbild. Es ist kein Zufall, dass Lars von Trier sein filmisches Anti-Amerika-Pamphlet "Dogville" mit Bowies "Young Americans" ausklingen lässt. Er kann auch deutlich und politisch werden: "I´m afraid of Americans", lässt Bowie in einem anderen Song wissen.

Wie sehr Bowie aber von dieser Welt ist und sich in sie einmischt, zeigt seine Praxis als Musiker, der zugleich sein eigener Stratege ist. Seine Internet-Plattform BowieNet gehörte lange Zeit zum Innovativsten, was das Netz hergab - bis hin zu der kompletten Erstveröffentlichung seines Albums "Hours" (1999) auf dieser Webseite. Der Text zu "What´s Really Happening?" wurde gar in einem Wettbewerb von den Fans beigesteuert; in dem PC-Fantasy-Spiel "The Nomad Soul - Omikron" trat Bowie als computeranimierte 3-D-Figur auf. Der einstige Weltraum-Punk, der sich zwischenzeitlich zum New-Wave-Hipster, zum Kunstrocker und zum Filmschauspieler gewandelt hatte, kam erneut in anderer Gestalt daher: als digitales Selbst im virtuellen Raum, das eine interaktive Hand in Richtung Publikum ausstreckt.

In einem seiner großartigsten Videos, dem von ihm selbst und David Mallet inszenierten Clip zu "Ashes to Ashes", stakst Bowie als Clown mit Federkleid und hohem weißen Hut durch eine futuristisch-surreale Szenerie. Der Song selbst vermählt als weit reichende Soundutopie synthetisches Geflirre mit einem satten, souligen Bass und einer betörenden Melodie - wieder wird hier optisch und akustisch zusammengebracht, was für viele andere unvereinbar wäre: der Clown, Inbild kindlicher Nostalgie, und Sciencefiction.

David Bowie, als David Robert Jones am 8. Januar 1947 im englischen Brixton geboren, wird nun 60 Jahre alt. Vielleicht ist aber auch das Alter nur eine Erfindung seiner selbst.






31 Jahre liegen zwischen "Hunky Dory" (Cover ganz oben) und "Heathen" (ganz unten). Dazwischen erschienen "Diamond Dogs" (1974), "Low" (1977) und "Scary Monsters" (1980)

Kölner Stadt-Anzeiger
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06.01.2007
Ressort: MZ