Carlos Santana zum Sechzigsten

Fusionsgenie im Doppelsinn

Von Wolfgang Sandner

19. Juli 2007 
Einer, der in Woodstock dabei war, der mit Musikern aus der Jazzband von Miles Davis gespielt hat, der Placido Domingo zum Mitsingen animieren konnte und dessen Songs sich im Repertoire von Dorfkapellen wiederfinden, hat auch in der Rockmusik Seltenheitswert.


1972 in Kopenhagen

Carlos Santana ist der Mann für alle Tonarten, auch für einen „Blues in B“. Einen „Blues in B“ können alle spielen, aber neun Grammys für eine einzige Aufnahme, für „Supernatural“ von 1999, kann nicht jeder bekommen. Dafür muss man ein gutes Gespür für Hits haben und für Verbindungen.


2003 hinter Beyoncé Knowles (oh weia!) in San Diego

Was da bei dem in Mexiko geborenen Gitarristen Santana in Beziehung gesetzt wurde, mag zwar vordergründig angloamerikanischer Rock mit lateinamerikanischem Rhythmus sein. Seine eigentliche Leistung aber besteht in der Fusion von Musik und Betriebswirtschaftslehre, wie es von Andrian Kreye einmal so ähnlich formuliert wurde. Santana ist einer der kommerziell erfolgreichsten Rockmusiker der Woodstock-Generation, und so etwas wird man nicht mit musikalischen Mitteln allein.

Ein Sound, unverwechselbar und massenhaft kopiert


2005 auf dem Montreux Jazz Festival

Er ist sicherlich der Inbegriff des Latin-Rockers, manche sagen, er hätte diesen musikalischen Bastard sogar gezeugt. Aber war da nicht einer namens Trini Lopez? Schon mal was von Pete Seegers „If I Had a Hammer“ gehört? Und von Tico Records, von Mongo Santamaría und den vielen kubanischen und puerto-ricanischen Musikern in Amerika, die alle Leonard Bernsteins unverwüstliche „West Side Story“ wohlstudiert haben? Ein Teil seiner größten Hits stammt auch nicht von Santana selbst. „Black Magic Woman“ hat Peter Green von „Fleetwood Mac“ aus der Taufe gehoben, „Oye como va“ war ein Klassiker des in New York geborenen puerto-ricanischen Schlagzeugers und Perkussionisten Tito Puente.


2004 im kalifornischen Cabazon

Aber man kann es drehen und wenden wie man will. Carlos Santana hat, was in der Rockmusik so wichtig wie in anderen populären Stilen ist, einen Sound gefunden, der unverwechselbar ist und zugleich massenhaft kopiert werden konnte. Sein wie Kaugummi gedehnter Gitarrensingsang, seine bombastischen Crescendi, die manischen Riffs und Ostinati sind unwiderrufen Santana. Das ist seine Leistung, auch wenn die besten seiner Aufnahmen möglicherweise jene sind, die er mit anderen großen Musikern aufgenommen hat: mit Eric Clapton und John McLaughlin, mit John Lee Hooker und Alice Coltrane etwa. Carlos Santana lebt seit den sechziger Jahren vorwiegend in der Bay Area von San Francisco und hat zeitweilig mit dem Vertrieb einer Schuhkollektion namens „Carlos“ ein paar Dollar hinzuverdient. Sein fünfzigjähriges Bühnenjubiläum kann er in drei Jahren feiern. An diesem Freitag wird er sechzig.

Text: F.A.Z., 19.07.2007, Nr. 165 / Seite 34
Bildmaterial: AP